Hippies im Außen oder Es war einmal in der Sowjetunion

„Kannst du mit den Hippies überhaupt etwas anfangen? Wusstet ihr da drüben überhaupt etwas von dieser Kultur?“ – Fragen einer deutschen Kolleginnen, als sie mein verzweifeltes Gesicht in der Ausstellung „The Whole Earth“ sieht. – „Du bist doch aus Russland, oder?

von Karmela Neiburger

Na klar, ich komme aus Russland. Ein Land, das viele Russland nennen obwohl sie Sowjetunion meinen. Das Land hinter dem „eisernen Vorhang“, das vielen im Westen mit Verboten, einem kommunistischen Regime und der totalen staatlichen Kontrolle aller Lebensbereiche in Erinnerung ist. Obwohl der Vorhang längst gefallen ist, bleibt die Vorstellung über das Leben in diesem Land für viele westliche  Bürger voller Stereotypen. Natürlich hatten wir Hippies in der Sowjetunion. Und diese Gegenkultur war wichtig.

Hippies in der Sowjetunion

Hippies in der Sowjetunion,
Quelle, wie FolgebIlder: http://www.hippy.ru

Der Anfang der Hippie-Bewegung in Westen wie Osten liegt in den 1960ern. Bei uns vielleicht etwas später – schlussendlich war es eine Bewegung, die erstmal bei uns ankommen musste. In der Sowjetunion waren die 1960er eine Zeit der Stagnation. Die sozialistische Routine, in der Staats-Generalsekretär Leonid Brezhnev täglich im Fernsehen auftrat, ruinierte damals langsam die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Seine lispelige Artikulation ein Beweis dafür, dass die besten Zahnärzte das Land verlassen haben. Das Haupt der Regierung war Hauptperson von Spott und Anekdoten. Die Doppelmoral – eine für die Öffentlichkeit und eine zweite informelle – war zur Norm geworden. Trotzdem – oder gerade deswegen träumten viele von einem anderen Leben: die Einen von besseren Kleidern und Möbeln, die Anderen von der Möglichkeit, sich frei zu entfalten und zu leben: ohne Lügen, ohne Kontrollen und Einmischung des Staates in das Private. Diese kritischer werdende Einstellung gegenüber einem Leben als sich stetig wiederholender „Murmeltiertag“ bewegte viele in neue Richtungen.

Mehr und mehr Unzufriedene in diesem ersten sozialistischen Land suchten also nach einer Möglichkeit, nach einem anderen Leben, in dem Menschen ihre Meinung sagen konnten und nach ihren Vorstellungen, nicht der Regierungsmeinung, ihr Leben gestalten können. Wie bewegte sich diese Hoffnung und die dazugehörigen Ideen durch den „eisernen Vorhang“ in einem Land, wo Kontrolle und Zensur ein der größten Instrumenten der Macht waren? Welche Kanäle haben die Türen in eine andere Wirklichkeit geöffnet?

Das „System“, wie die Alternativbewegung genannt wurde, hatte sich in den großen Megapolen konzentriert. Moskau, Leningrad, Riga, Kiew, Vilnius absorbierten die kreativen, originell denkenden Menschen aus dem ganzen Land: Künstler, Musiker, Dichter, Philosophen und Rebellen verschiedener Art. Das „System“ oder das Hippie-Netzwerk, bestand aus Hippies, „Flats“ – die Hippiewohnungen, Sessions und einigen bald intern sehr bekannten Cafés. Hier nahmen sie die sozialistische Wirklichkeit unter ihre kritischen Lupe. Die Hippies hatten westliche Ideen aufgesaugt und wurden zu Zugführern einer neuen Kultur. Ihre äußerlichen Merkmale – lange Haare, Schlaghosen, grell bunte auffällige Kleidung – waren mehr als bloß ein modischer Trend. Sie waren sichtbare Zeichen der Zugehörigkeit zu einem anderen Denken, ein halbgeheimer Code des Protestes gegen den Marsch des Regimes.

Von den Herrschenden wurden die „Haarigen“als Schmarotzer und dumme West-Anhänger dargestellt und Objekt von Karikaturen. Dabei trafen bewusste Verurteilung und unbewusste Verbreitung des Phänomens aufeinander. Denn die Karikaturen wurden landesweit auch als Inspiration und Vorlage genutzt: Man konnte z. B. den Jeans-Schnitt nachschauen, um die gleichen Hosen für sich erstellen.

Luxuskaffee und Lasterhöhlen

Hafen- oder Großstädte Riga, Tallin, Lwiw, Moskau, Leningrad waren auch in der Sowjetunion die Orte, an denen die Information aus aller Welt ankamen. Mit Hilfe von Seemännern, Touristen, Diplomaten, Schwarzhändlern, ausländischer Radiosendungen, speziellen geschlossenen Archiven für Funktionären, Akademikern oder Studenten landete das Neue für die Massen eigentlich Unzugängliche aus der Welt der Musik, Literatur, Politik und Mode auf Umwegen in der sowjetischen Realität.

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Auch in der Sowjetunion gab es die Langhaarigen…

In Zentrum Rigas, meiner Heimatstadt, gab es im sogenannten Planetarium, einer expropriierten russisch-orthodoxen Kirche, ein Cafe, das im Volksmund als „Dieva auss“ („G-ttes Ohr“) bekannt wurde. Hier sammelten sich junge Kreativen: Die Künstler Maija Tabaka und der buckelige Leo Kokle, die Musiker Raimonds Pauls und Rundzis Redzevskis und viele andere mehr oder weniger waren damals ein Teil der Bewegung. Auch in den Cafés „Kaza“ („Ziege“) und „Rom“ waren ihre Treffpunkte.

Keiner weiß genau, wann das Cafe in Zentrum des damaligem Leningrads seinen stolzen Namen „Saigon“ bekommen hat. Der Legende nach stammt er von einem Milizangehörigen,  der einigen junge Damen, die neben dem Cafe rauchten „Das wahre Saigon!“ zugerufen hatte – passend zum Krieg in Vietnam, der damals aktuelles Nachrichtthema war.

Das Cafe selbst befand sich in einem 1880 erbauten Gebäude an der Ecke von Newski- und Wladimirki-Prospekten und wurde 1964 eröffnet. Nicht weit von ihm liegende Grünanlage „Elfischer Garten“ war ein weiterer inoffizieller Treffpunkt der „Saigon“-Stammgäste.

Beneath the blue sky…

Beneath the blue sky… lies a golden city
with translucent gates and a bright star,
and a garden in it where grass is like flowers,
where dwell creatures of unseen beauty:
 
One is like a yellow lion with a coat of flames,
another is an ox, with unfathomable eyes
an heavenly golden eagle is with them,
whose bright stare is unforgettable.
And a star burns in the blue sky.
 
It’s yours, o my angel, forever yours.
Love and you will be loved, shine and you will be holy.
May the star guide you to the garden of wonders.
Here you will be met by the flaming lion,
the blue ox with unfathomable eyes,
the heavenly golden eagle that is with them,
whose bright stare is unforgettable.
 
Quelle: http://lyricstranslate.com

In das Saigon hatte die die informelle Boheme, Hippies und Schwarzhändler ein neuer Luxustrend gezogen – aromatischer Kaffee aus ungarischen Kaffeeautomaten. Über diesem Kaffeee zitierten Dichter Gedichte, Musiker erzählten von Musikneuheiten und eigenen Kompositionen.

Die Atmosphäre des Freidenkens und der Lebensreflexion durchtränkte den großflächigen Raum wie Zigarettenrauch. Schriftsteller und Dichter Iosif Brodsky, Sergej Dowlatow, Eugenenij Rein, Schauspieler Innokentiy Smoktunowski, Musiker Boris Grebenschikow, Schewchuk, Wiktor Zoi, Kunstmaler Michail Schemjakin – das war nur ein kleiner Teil der für die Sowjetunion damals sehr illustren Namenspallette. Hier wurden Bücher und Rock-Schalplatten verkauft und umgetauscht. Der Beatles, The Doors, Jefferson Airplaine, Jack Kerouac und Carlos Castaneda – der Westwind hatte russischen Boden erreicht. Später, in den 80ern, wohl nach mehreren Prügeleien, prangte mitten im Cafe ein riesiger Spiegel: Man sagte, hinter ihm verstecke sich der KGB.

Einige hielten das „Saigon“ für einen elitären Ort, andere für eine Lasterhöhle. Es wurde auch „Kindheit-Paradies der Menschheit“, das „Vipernest“, das „kreative Center der nördlichen Hauptstadt“ oder das „Jüdische Cafe“ genannt. In 25 Jahren seiner Existenz war das „Saigon“ Zeuge und Schutzherr der Geburt und Entstehens der sowjetischen Gegenkultur.

Ein anderer informeller Treffpunkt, nicht weit vom „Saigon“ war das Cafe „Gastritis“ (der Name wurde  für sein „besonderes“ gastronomisches Assortiment vom Volk gegeben) auf dem Newski-Prospekt, oder dem „Broadway“ im Volksmund, kauften die Musiker billigen Wein für ihre Rock-Konzerte. Boris Grebenschtschikow (1953), damaliger Student der Fakultät der angewandten Mathematik  und später der „Vater“ des russischen Rocks,  ist heute dem ganzen Lande einfach als BG bekannt, war damals einer der bekanntesten Cafes-Gästen. 1972 gründete er die Rock-Band „Aquarium“.  Die Band trat illegal auf. Die buddhistischen und rebellischen Motive seiner Texte, die zuerst von Beatles, danach von Bob Dilan beeinflusst wurden, stellten zur offiziellen Kultur einen Gegensatz dar.

Auch auf dem Admirality Embankment versammelte sich die kreative Elite Leningrads, um ihre Gedanken frei zu äußern. Man sagt, dass genau hier hat Grebenschtschikow das  Gedicht „Unter dem freien Himmel“ („Под небом голубым“ oder „Paradise“, der Text stammt von Anri Volhonsky (1936); der hat im Gedicht biblische Motive benutzt) erstmals öffentlich rezitierte. Später machte Grebenschtschikow aus dem Text ein der berühmtesten Lieder der Zeit. Die Sehnsucht nach der „Goldenen Stadt“, wo jene geliebt waren, die liebten – „beloved are those who love, and blessed those giving light“ -, war groß.

Legenden
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Ein globales Phänomen, optisch wie auch inhaltlich. Nur eben östlich des nullten Längengrades…

Neben Boris Grebenschtschikow war der 1940 geborene Sewa Nowgorodzew eine weitere Legende des russischen Musik-Widerstands. Professioneller Seemann und Jazz-Musiker, verließ er die Sowjetunion 1975 und lebte zuerst in Österreich, danach in Italien, seit 1977 dann in London. Dort begann er noch im selben eine Radio-Karriere als freier Moderator in der russischen Abteilung der BBC. Während der folgenden 27 Jahre lieferte er den Hörern weltweit die aktuellsten Nachrichten aus der Welt-Musik-Szene. Seine Sendungen waren Ende 70ger Jahre eine der wichtigsten Informationsquellen für musikalische und popkulturelle Neuigkeiten aus dem Westen. Dass Queen, Deep Purple, Pink Floyd, Led Zeppelin in der Sowjetunion der 80-gen so populär waren, ist vorwiegend sein Verdienst. Übrigens wurde Sewa Nowgorodzew 2005 mit dem MBE (The Most Excellent Order of the British Empire) ausgezeichnet.

Dass die Rock-Musik für die neue Bewegung so wichtig war, erzählt heute ein anderes Mitglied der damaligen Leningrader-Hippiebewegung Wladimir Rekschan (1950), Sportler, Musiker und Schriftsteller. Er erinnert sich, wie er damals mit Freunden Idee hatten, die Ikonen seiner Großmutter zu verkaufen und für dieses Geld Musikinstrumente zu kaufen. Langes Haar, Jeans, per Anhalter fahren – traditionelle Bestandteile der damaligen Hippielebens. „Hippie waren deklassierte Studenten, Studienabbrecher“, erzählt Rekschan. Der Slogan „Make Love, Not War!“ war für viele Freidenker im Land des Sozialismus genau so aktuell wie in Westen. Auch Wehrdienst-Verweigerung war ein Teil des Widerstandes gegen das Regime. „Die Leningrader Hippiebewegung unterschied sich wenig von der Bewegung in San-Francisco. Die Sowjetunion war ein militärisches Land, Amerikaner gingen nach Afghanistan hinein. Für die Fehler der älteren Generation haftete die neue“ – so sein Fazit.

„Das Haus der Sonne“

Und die Hauptstadt? Wie war es in Moskau? Der Hippie-Underground war in der Hauptstadt genau so präsent wie in Leningrad. Auch hier gab es Orte, an denen sich die Bewegung traf – auf dem Arbat, im „Psychodrom № 2“, im „Frunse- Garten“, dem Puschkin-Platz oder Gogol-Boulevard.

Als Reminiszenz an diese Zeit hat der 1959 geborene Moskauerer Rockmusiker und Filmmacher Garik Sukachew 2010 den Film „Das Haus der Sonne“ gedreht. Die Handlung liegt im Moskau der 70-ger Jahre. Sascha, Tochter eines Parteifunktionärs, hat ihre Prüfung am medizinischen Institut der Universität erfolgreich bestanden und lernt zufällig einige junge Hippies kennen. Sie verliebt sich in Sonne, das Oberhaupt der Gruppe. Heimlich und vor den Eltern versteckt begibt sich Sascha in das Abenteuer mit den neuen Freunden. Sie sieht die scheinheilige Wirklichkeit des sowjetischen Lebens mit anderen Augen. Nicht nur, weil eine der Filmheldinnen, das „Elend-Weib“, die Tochter der örtlichen Miliz Leiterin, heimlich eine illegale Rock-Radiosendung moderiert. Doppelmoral und Gegenbewegung werden an vielen Stellen des Filmes deutlich. Auch das Scheitern. Am Ende des Filmes stirbt Sonne. Wie das Schicksaal der Filmhelden weiterentwickelte, wird zum Schluss der Geschichte erzählt: einer wird sich umbringen, ein anderer stirbt in Afghanistan, zwei weitere heirateten und gehen als Geologen nach Mosambik; der später weltberühmter Künstler wird zunächst in die  Psychiatrie abgeschoben, danach emigriert er nach Frankreich. Sascha selbst kehrt zu ihrem alten Leben zurück und wird Kardiologin.

Der Film wurde sehr gemischt aufgenommen. Vielleicht auch, weil das Drehbuch auf realen Ereignissen und Personen basierte. So war das Vorbild von Sonne der Hippie Yuriy Burakow. Wie die beiden Protagonisten war er das Kind eines sehr hohen Regierungsbeamten. Seinen Unterhalt verdiente er mit dem Währungs-Schwarzhandel, konsumierte Drogen und starb mit 43.

Einige Hippies waren wie Sonne-Burakow Rebellen, sie sind an Drogen gestorben, andere führen heutzutage ein ganz „normales“, ziviles Leben. Es gibt aber diejenigen, die bis heute ihre damaligen Ideen ausleben.

Die Straße der Liebe

Eine der strahlendsten Persönlichkeiten der Moskauer Hippie-Szene war sicherlich Sergei Solmi (1961), ein Kunstmaler, Fotograf, Bildhauer, Dichter und Musiker, dessen Tätigkeit  eine lange Zeit von KGB verfolgt wurde. Viele Jahre wurden seine Ausstellungen geschlossen, seine Demonstrationen verboten. Tatsächlich hat Solmi erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, 1996, begonnen seine Ideen über die „Stadt der Liebe“ vorzustellen – nun ohne staatliche Beobachtung und Repressione. In seinem Manifest „Unvollendete Geschichte“, in dem Solmi die Liebe thematisiert, erklärt er: „Einmal … habe ich die Straße mit dem Namen Gasleitung gesehen. Ich war entsetzt. Ich habe mir vorgestellt, dass irgendwann in dieser Straße ein großer Dichter zur Welt kommen wird, und irgendwann Heimstraße besingt, die Gasleitungstraße …. Was für ein Surrealismus! Nicht einmal Dali könnte sich so etwas ausdenken“. Oder „In einer Straße zu wohnen, die den Namen eines Revolutionsterroristen trägt – das ist doch Albtraum…. Ich wünsche mir, dass jede Stadt eine Straße der Liebe hat, und diese Straße die ganze Welt umgibt.“

Ein alter Moskauer Hippie Sascha Iosifow kommentierte: „Hippies bringen mit sich Feier in die Welt. …man kann sagen, dass das größte Teil der Bürger (fast alle) trugen graue und schwarze Klamotten… Eine riesig große graue Masse… Und plötzlich kamen sie: fröhlich, offen, einfach, mit einer bunten Ideen der Menschenliebe, die sie innen hatten und nach außen brachten.“

Die Großmacht der Blumen
/von Sergei Solmi – Сергей Сольми – «Держава цветов»/
Die marschieren nicht, die bauen keine Mauer,
Die haben keine Rahmen, Regeln und Systeme,
Die verkaufen sich nicht, die tragen keine Brillen –
Die glorreichen Kinder der Großmacht der Blumen.
Nur der Wind kennt die Antwort,
Wenn du fragst, erzählt er dir über das Geheimnis der Haare.
Im Blätter-Grün, im Vögel-Gesang
hat die Großmacht der Blumen keine Grenzen!
Die Großmacht der Blumen hat keine Grenzen

Nach der Perestroika  veränderte sich die Lebensrealität des Landes. Man durfte sich frei äußern und statt Hippies feiern Emo- und Gothic-Kulturen ihre düstere Existenz. Der Bentley ist das Symbol der neuen Träume geworden. Längst ist das „Saigon“ geschlossen. In 90ern wurde es in ein Geschäft für elitäre Sanitärtechnik umgebaut, wo es goldene Kloschüsseln gab. Danach wurde an der Stelle ein „Radisson“-Hotel gebaut. Von einer Straße der Liebe träumen nur noch ein paar alte „Verrückte“.

Vielleicht ist die Gegenbewegung in Russland wie auch in den Vereinigten Staaten gescheitert. Vielleicht ist sie aber auch, wie Solmi beschreibt, einfach nur „unvollendet“ – mir scheint, dass wir wahrscheinlich gerade jetzt wieder diese „komischen“ Hippies brauchen, die uns „Klugen“ daran erinnern, dass „die Großmacht der Blumen keine Grenzen hat“ und „der einzige Weg in die Zukunft auf die Straße der Liebe liegt“.

 

 

Nachbemerkung

Kein Text, Erinnerungen und Gedanken am Rande

Was die Verfolgung von Hippies betrifft, ist es wichtig, die Brezhnev-Ära nicht mit der Stalin-Ära zu vergleichen. Diese wär ein ganz anderes Thema. In der Zeit unter Brezhnev lebte es sich viel leichter, so drohte den Hippies kein Sibirien. Wohl aber andere Formen der Verfolgung, z. B. die Bezeichnung als und zahlreiche Strafen für Schmarotzer, Schwarzhändler, Drogenverkäufer inklusive der gesellschaftlichen Ächtung: kritische Zeitungsartikel, Karikaturen, „Moralanweisungen“ in Schulen oder am Arbeitsplatz, im Wesentlichen gekennzeichent als „unmoralische Verhaltensweise von einigen antisowjetischen Elementen“ – wie damals diejenigen definiert wurden, die sich anders kleideten oder in irgendwelcher Weise ihre Unstimmigkeit mit dem Offiziellen öffentlich zeigten.

Bei Althippie Wladimir Soldatow findet man dazu folgende Geschichte. Am 1. Juni 1971 wollten Moskauer Hippies eine antisowjetische Demonstration durchführen. Sie stießen auf die Bekämpfung von Hippies und ihren potenziellen Aktionen geschaffene wurde Einsatzgruppe „Birke“ („Берёзка“). Die Komsomolmitglieder handelten am Vorabend des 1. Juni zunächst wie immer „weich“ – mit dem Versuch die Hippies zu „überreden“: „Um vor der amerikanischen Botschaft am 1. Juni, dem Kinderschutztag, gegen den Krieg in Vietnam zu protestieren, seid ihr doch bestimmt zu schwach? – Wir werden euch mit Transport und Organisation helfen!“ Einige ließen sich täuschen und diese „Naiven“ waren alsbald organisiert und in KGB-Bussen auf die Polizeiwache gebracht. Operation „Birke“. Hier wurden Verhöre durchgeführt, die Aussagen in speziellen „Hippie“-Ordnern protokolliert: der KGB hatte bereits zuvor Information über das „System“ gesammelt. Am Morgen danach wurde ein Teil der „Demonstranten“ vor Gericht gebracht, ein anderer Teil nach Hause entlassen. Die Aktennotiz „nicht loyal“ oder „unzuverlässig“ jedoch blieb für alle und hatte Folgen für alle: von Gefängnisstrafen zu Exmatrikulation oder Kündigung. Ergänzt von weiteren sozialen, administrativen oder medizinischen Mitteln der Verfolgung – die Einlieferung in die Psychiatrie, Zwangsan- und -einweisung oder die Verpflichtung zum Armeedienst in Gefahrenregionen.

Allgemeine „Säuberungen“ fanden großflächig 1972 vor dem Besuch des US-amerikanischen Präsideten Richard Nixon statt.  Auch sollte man erwähnen, dass die KGB-Spitzel überall waren. Wie Yury Burakow (Sonne) als Sohn eines KGB-Oberstes durch seinem Vater überwacht wurde, haben „solche Väter“ stets versucht, ihre Kinder besonders zu beschatten.

Dies ist allgemein bekannt, aber solche „Geschichten“ sind tief in Archiven begraben.

Karmela Neiburger