Im Heimatdorf der Netzgemeinde

screenshot the wellAufstieg und Fall einer digitalen Kommune – Mitte der 80er von Kreativen und Unternehmern gegründet, ist The WELL eine der ältesten Online-Communities. Sie wird gefeiert als Wiege der Netzkultur und Ursprung der New Economy – hier wurden die Grenzen von Meinungsfreiheit und Virtualität ausgelotet, als in Deutschland noch über Akustikkoppler diskutiert und über die Bundespost herzogen wurde.

Heute ist The Well nach einigen Turbulenzen (wieder) in Nutzerhand, kommerziell gescheitert und irrelevant in der Netzwelt. Ein Blick zurück lohnt sich trotzdem.

von Pavel Lokshin

Befreiungsgelaber, das ist die Sprache des Cyberspace. In Wirklichkeit handelt es sich dabei um ein zunehmend effizientes Überwachungsinstrument, dem sich die Leute freiwillig aussetzen”. Was klingt wie ein Kommentar zur aktuellen NSA-Debatte, entstammt einem Manifest von “humdog” und wurde 1994 verfasst. Humdog reflektiert darin ihre Erfahrungen in The WELL, einer frühen online-Community, die von amerikanischen Medien zur Brutstätte der digitalen Kultur stilisiert wurde. Während gewöhnliche BBS – per Modem erreichbare Diskussionsforen und Tauschbörsen – in der Imagination der amerikanischen Öffentlichkeit dunklen Gassen entsprachen, wo sich Softwarepiraten und Hackern traffen, galt The WELL als ein intellektueller Salon, ein Fokalpunkt freier Diskussionskultur – so die übliche Erzählung. Wie konnte im technik- und kapitalversessenen Silicon Valley so ein Ort entstehen?

Die Story beginnt 1985 mit zwei Ex-Hippies: Die beiden sind natürlich keine Computerfachleute. Der eine hat mal Biologie studiert, der andere ist Arzt. Doch bei den Ex-Hippies handelt es sich nicht um irgendwen. Larry Brilliant ist erfolgreicher Epidemiologe und Technologie-Investor. Stewart Brand, der seinerzeit in Stanford Biologie studierte, ist der große Vernetzter der amerikanischen Gegenkultur. Mit seinem Whole Earth Catalog schaffte er das Zentralorgan für die Landkommunen und andere verstreute Andersdenkende in den späten 60er – frühen 70er Jahren. Im Catalog kam die amerikanische Gegenkultur zu sich selbst – und deckte sich mit Büchern von R. Buckminster Fuller, Allwetterschuhen und Bauanleitungen für Generatoren ein. Brand verdiente daran kein Geld, er hatte eine Plattform für den freien Informationsaustausch im Blick – im Mittelpunkt standen “tools” zur Bewusstseinsveränderung und zur Nutzung für ein besseres Leben.

Mitte der 1980er ist die Hochzeit des Katalogs längst vorbei. Mit Mikrocomputern und PCs wird allerdings eine neue Phase der technologischen Entwicklung eingeläutet, die neue emanzipatorische Potenziale verspricht. Larry Brilliant geht es darum zuletzt: Er braucht ein Showcase für sein frisch gegründetes Start-up. Sein Produkt ist das, was man damals “Konferenzsystem” nannte – eine für Anzugsträger wohlklingende Umschreibung für das gute, alte BBS. Das Konzept wurde bereits einige Jahre zuvor populär – mit dem Modem in den Server einwählen, und rein in die Debatte. Die Beiträge sind in Diskussionssträngen – Threads – organisiert, auch nicht-öffentliche Kommunikation ist möglich. Alles wie heute, nur im Textmodus.
Brilliants text-only-Musterhaus braucht allerdings Bewohner – und mit Brands Dunstkreis und der Leserschaft des Catalog meint er, ein passendes soziales Netzwerk gefunden zu haben. Brilliant plädiert zunächst für eine digitale Version des Catalog – mit Produkten und “tools”, die von Abonnenten diskutiert werden sollen. Brand ist allerdings dagegen. Nicht die “tools” sollen zentral sein, sondern die Menschen selbst – und ihre Diskussionen.
Brilliants Firma investiert einen sechsstelligen Betrag, und The WELL startet am 1. April 1985. Im Laufe des Jahres kommen ein paar Hundert Abonnenten dazu. Für Journalisten gibt es kostenlose Accounts: wie sich zeigen wird, ein folgenreicher PR-Schachzug. Innerhalb von zwei Jahren hat The WELL schon zwei tausend Mitglieder. Es folgen Artikel in der New York Times, Auszeichnungen für Bürgerjournalismus, Kooperationen mit Ostküsten-Medienhäusern wie Harper’s. Etwas über dieses neue digitale Ding schreiben? Geh zu The WELL – diese Message ist in den Köpfen der Journalisten schnell etabliert.

Von Befreiungsgelaber und Pöbeleien zu Elterngesprächen

Doch wer benutzt The WELL, von technikaffinen Journalisten mal abgesehen? Hauptsächlich weiße, männliche Baby Boomer in ihren 30er und 40ern – das klassische Subjekt von so genannten emanzipatorischen Technologien. Die meisten sind gut ausgebildet und finanziell abgesichert, aber nicht wohlhabend genug, um 20 Dollar pro Stunde zu zahlen, wie bei konkurrierenden Diensten. Bei WELL zahlen sie nur zwei Dollar – ein vorprogrammiertes Verlustgeschäft, das Brilliant hinnimmt.

Was macht also The WELL aus? Nicht nur der Preis. Die Zielgruppe bringt einige Besonderheiten mit sich. Ein Erbe der Kommunenkultur der 70er Jahre ist die erste, und für viele Jahre die einzige Regel von The WELL – „you own your words“. Es gibt keine Anonymität. Was man schreibt, gehört einem, und zum Geschriebenen muss man stehen. Alles Weitere soll im freien Miteinander von Individuen geregelt werden – Zensur gibt es nicht. Der libertäre Traum der Gegenkultur bringt nicht nur in der realen Welt Komplikationen mit sich, denn die „WELLbeings“, wie sich die Abonnenten nennen, sind nicht gleich. Wer eloquent, witzig und schnell ist, kann in den hitzigsten Debatten bestehen. Wer beruflich schreibt, hat einen Vorsprung. Rhetorische Macht ist auch Macht. Oft müssen Moderatoren einschreiten, um Konfrontationen zu entschärfen, gleichwohl sind sich alle der Tatsache bewusst, dass vor ad hominems nur so strotzende öffentliche Diskussionen unterhaltsam sein können, solange würdige Gegner zusammentreffen. Wiederkehrende Konflikte halten das Geschäft am Laufen – wie eine Seifenoper. Manchmal kann man einfach nicht wegschalten.

Bei The WELL herrscht allerdings nicht nur Schlagabtausch. Vor allem die „Parenting“-Konferenz, in der sich junge Eltern treffen, ist eine integrierende Kraft. Die politischen und kulturellen Debatten, die in anderen Diskussionssträngen toben, sind hier suspendiert. Sogar zwischen Gegnern herrscht Waffenstillstand. Von der „Parenting“-Konferenz ausgehend werden regelmäßige offline-Treffen organisiert, bald ziehen andere Konferenzen nach: mehrmals im Monat finden Treffen statt; dann gibt es natürlich die „office parties“ in der WELL-Zentrale. The WELL war nie ein reines online-Phänomen, sondern stets mit der offline-Welt verzahnt.

The WELL ist ein medial vermittelter sozialer Raum, in dem alles passiert, was auch in der offline-Welt passiert – jedenfalls führt man dort nicht nur Debatten über Hochkultur. Freiberufler und Selbständige aus der Bay Area bieten sich gegenseitig ihre Dienste an, freie Stellen werden besetzt, Businesspläne diskutiert, „Deadheads” – Fans der Rockband Greatful Dead – tauschen Konzertberichte aus, Laien holen sich Ratschläge von Experten ein. WELLbeings sehen ihre Diskussionsplattform als eine Art Dorfkneipe, in der die unterschiedlichsten Menschen zusammenkommen und sich austauschen. Was nicht heißt, dass in der Kneipe alle geduldet werden. Auch kommunenerfahrene Moderatoren haben irgendwann genug: Ein gewisser „Mark Ethan Smith“, ein radikaler Feminist, der sich als eine Frau herausstellt, wird wegen unaufhörlicher Pöbelei rausgeworfen und spuckt noch Jahre später Gift und Galle gegen die „Nazi-Penisanbeter“ von The WELL. Debatten über Moderation erzeugen Stress für alle beteiligten. Selbst Stewart Brand wird herausgeekelt. „Ich betrat eine öffentliche Konferenz über Moderation, und sah, wie meine Hände zitterten“, sagte er Jahre später in einem Interview. „Diese Art von Konfrontation ist fatal, und es gibt keinen Ausweg – außer man steigt einfach aus.“

Die Ökonomie der Intimität

Tom Mandel, Zukunftsforscher in Stanford und scharfzüngiger Provokateur, unterhält die digitale Polis mit Beziehungsstreitigkeiten: seine Freundin residiert ebenfalls bei The WELL. Als Mandel Lungenkrebs bekommt, lässt er die ganze Community an seinen letzten Tagen teilhaben, selbst seine Feinde haben Mitgefühl. Tom Mandel stirbt am 5. April 1995, nach fast zehn Jahren auf The WELL – und lebt weiter als Mandelbot, ein Programm, das in seinen Lieblingskonferenzen vollautomatisch herumpöbelt.

Was bei The WELL am Werk ist, könnte man als Ökonomie der Intimität bezeichnen. Tränenreiche persönliche Geschichten werden gegen Mitgefühl getauscht, das eigene Privatleben wird für ein digitales Publikum theatralisiert. Es entstehen virtuelle Beziehungen, die in der echten Welt nicht fortbestehen können. Im Cyberspace im Allgemeinen, und bei The WELL im Besonderen findet eine Umwandlung von Mensch in Ware statt – sagt jedenfalls humdog. The WELL kann fortbestehen, weil seine Nutzer sich freiwillig zur Ware machen – um die Geschichten der anderen zu konsumieren. „Die Befürworter der so genannten Cybercommunities betonen selten ihre ökonomische, geschäftsmässige Natur: viele Cybercommunities sind Unternehmen, welche auf die Kommodifizierung menschlicher Interaktion angewiesen sind“, so humdog in ihrem Manifest. Große Wirkung hat dieser rhetorische Vorstoß allerdings nicht gezeigt. humdog selbst verließ The WELL, und kehrte zurück – mehrmals. Heute wissen wir: Ihre Kritik war der Zeit um mindestens ein Jahrzehnt voraus.

Anfang der 1990er Jahre ist The WELL profitabel, hält sich als quasi-kommerzielles Projekt über Wasser und bietet seinen knapp 7.000 Benutzern Internet-Zugänge an. Bücher wie Howard Rheingolds 1993 erschienenes “The Virtual Community” steigern seine Bekanntheit, viele Neulinge wollen an der Keimzelle der neuen digitalen Elite teilhaben, schließlich trafen sich die cyberlibertären Begründer der Electronic Frontier Foundation bei The WELL. Kevin Kelly, Mitbegründer des Wired Magazine, war Stewart Brands Mitarbeiter und später Mitglied des Vorstandes von The WELL. Science-Fiction-Autoren wie Neal Stephenson, Bruce Sterling und Cory Doctorow sind dort aktiv, um die Zeit unterhält sogar der Altpunk und Sci-Fi-Fan Billy Idol einen Account. Doch die Wachstumspotenziale der Plattform sind begrenzt. Zwar ist The WELL inzwischen über das Internet aus aller Welt erreichbar, bleibt aber eine regional gebundenes und zutiefst in der Westküstenszene verwurzeltes Projekt: Es ist kein CompuServe und auch kein AOL mit bunten Bildern.
Auf dem Höhepunkt des Cyberspace-Hypes weiß niemand so recht, wie es mit The WELL weitergehen soll. 1994 – da zählt die Community 10.000 Mitglieder – steigen die ursprünglichen Eigentümer aus, ein neuer, besonders ausgabefreudiger Investor übernimmt die Kontrolle. Ein Teil der Mitglieder gerät in Panik, befürchtet rasche Kommerzialisierung und gründet mit „The River“ ein Konkurrenzprojekt. Die Stimmung unter den WELLbeings ist schlecht, dem Management trauen nur wenige, obendrein soll das verhasste und vertraute Text-Interface durch eine graphische Webseite ersetzt werden. Jede Veränderung erzeugt Unruhe und Misstrauen, mal fürchtet man sich vor übermäßiger Kommerzialisierung, mal vor den Horden von Neubenutzern, die übers Internet auf The WELL zugreifen. John Perry Barlow, Mitbegründer der EFF, scheitert 1996 mit einem Versuch, einige prominente Altmitglieder zu einem user buyout zu bewegen. Wired Magazine feiert The WELL 1997 mit einer Titelgeschichte, zwei Jahre später wird „die einflussreichste Online-Community der Welt“ an das Online-Magazin Salon.com verkauft. Dessen Eigentümer erhoffen sich Know-How im Bereich Community-Management und Leserbeteiligung.

Die Erwartungen werden nicht erfüllt, und bereits 2005 steht der Verkauf wieder an der Tagesordnung. 2006 boomt Myspace, und für eine obskure, obendrein kostenpflichtige kleine Community ist weit und breit kein Käufer zu finden. Sechs Jahre später – ein Siebtel der Weltbevölkerung ist inzwischen auf Facebook, und The WELL hat knapp 2.700 Abonnenten – startet Salon.com einen weiteren Anlauf und entlässt die WELL-Mitarbeiter: im Jahresbericht beklagt das Unternehmen die mangelnden „finanziellen Aussichten“ und lässt durchblicken, dass der potenziell lukrative Domainname well.com bald zum Verkauf stehen könnte. In einer last-minute-Aktion kommt es schließlich zu einem user buyout, 16 Jahre nach Barlows Vorstoß.
Heute ist The WELL ein Web-Forum mit kostenpflichtiger Mitgliedschaft – 10 Dollar monatlich kostet der Zugang zum recht altbackenen Web-Interface, für 15 Dollar gibt es eine well.com-eMail-Adresse und auf Wunsch Terminal-Zugang, wie in den guten alten Tagen. Hin und wieder verirren sich neue Benutzer in dieses Freiluftmuseum der frühen Cyberkultur. Sie wundern sich über das sperrige Web-Interface. Alte Hasen weisen sie zurecht: ach, darüber haben wir doch schon vor 15 Jahren diskutiert. Wie über alles. Ein digitaler Senioren-Treff für Baby Boomer, die Todesfälle und Gedenkgottesdienste diskutieren. Vorzugsweise in der The-WELL-Gruppe bei Facebook – wer weiß, wie oft sich die anderen noch am Dorfbrunnen einloggen.