„Die Studenten haben’s gerockt“

Wenn die Uni zu dröge ist, die Seminare zu zäh und die Theorielektüre das Innen so langsam lahmlegt – dann hilft ein Ausflug in die reale Welt, das Ganze wieder mit etwas Sinn zu versehen. Immerhin, irgendwo muss es ja eine Anbindung nach Draussen geben. Der Student’s Day im Haus der Kulturen der Welt bot eine Führung durch die Ausstellung „The Whole Earth. Kalifornien und das Verschwinden des Außen“ und Kurzpräsentationen zu einzelnen angrenzenden Themenfeldern. Vorbereitet und durchgeführt wurde die Veranstaltung von StudentInnen der Universität Potsdam unter Leitung des Dozenten Julius Erdmann. Bei Aussentemperaturen von 35° waren die Besuchszahlen zwar sehr gering. Trotzdem – ein gelungener Kontakt mit dem Außen.

von Katja Musafiri

Es ist drückend heiß an jenem Donnerstag in Berlin. Nicht gerade der beste Tag für Kultur. Die Ausstellung „The Whole Earth. Kalifornien und das Verschwinden des Außen“ im Haus der Kulturen der Welt ist so gut wie menschenleer. Wer kann, wird sich wohl an einem der Seen oder in den Freibädern und Parks der Stadt Abkühlung verschaffen.

Genau auf diesen Tag haben die StudentInnen der Universität Potsdam in ihrem Seminar „Zeichen –Medien – Macht – Wandel – Kulturtheorien der (Post-) Moderne“ hingearbeitet. Heute wollen die angehenden KulturwissenschaftlerInnen und RomanistInnen ihre erworbenen Kenntnisse mit einer Ausstellungsführung und Präsentationen mit der Öffentlichkeit teilen. Von Studierenden für Studierende ist das Motto der Veranstaltung. Los geht’s mit einer Einführung von Laura Weber in die komplexe Thematik der von Diedrich Diederichsen und Anselm Franke kuratierten Schau. Die junge Frau verweist auf Hintergründe und Zusammenhänge und beschreibt den siebenteiligen Aufbau. Die anwesenden StudentInnen haben sich auf je einen dieser Aspekte ausführlich vorbereitet und halten ein kurzes Referat an der jeweiligen Ausstellungsstation. Auf die handvoll Zuschauer strömt eine Flut an Wissen und Erklärungsversuchen ein, die in den ungefähr 90 Minuten der Führung, ohne Vorwissen kaum aufzunehmen ist.

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Marleen Schröder referiert an der letzten Station „The World Is Not Whole“

Bei näherem Hinsehen mag dies aber durchaus am Charakter der Ausstellung liegen und nicht an den Ausführungen der Studierenden. Denkt man beim ersten Betreten der gläsernen Ausstellungshalle und dem Anblick der rund ein Dutzend Stellwände noch, so viel sei das alles gar nicht, merkt man schnell, dass dieser Eindruck täuscht. Die dargebotene Fülle an Informationen und deren Textlastigkeit belehren den Besucher schnell eines Besseren.

Die Studierenden erzählen dann auch, dass in der Vorbereitung viel darüber diskutiert wurde, wie sich die Führung am besten umsetzen ließe. In ihrer Methode der einzelnen Kurzpräsentationen hatten sie immer auch die Zeit und die Aufnahmefähigkeit der Besucher im Blick. Die Lehramtsstudentin Laura Heuzeroth zum Beispiel sagt, dass es durch die Komplexität der Ausstellung didaktisch einfach nicht möglich gewesen wäre, Inhalte der Verständlichkeit halber noch weiter runterzubrechen als sie es bereits getan hätten. Auch der Dozent und Organisator Julius Erdmann erklärt: „Wäre die Ausstellung weniger essayistisch oder weniger theoriegeschwängert, wäre es möglich gewesen, mehr eigene Theorien einfließen zu lassen. So mussten wir die Theorien nutzen, die schon vorgelegt wurden.“ Und auch das, so ergänzt er, sei schon genug Arbeit gewesen.

Obwohl die StudentInnen im Grundlagenseminar viel Subkulturtheorie und Medientheorie an die Hand bekamen, standen sie nach ihrem ersten Besuch der Ausstellung mit Führung durch den Kurator erst einmal vor einem Haufen Fragen und das Ganze schien schier undurchschaubar, wie die Studierenden erzählen. Mit Fortgang ihres Seminars verbesserte sich dies zunehmend. So vertieften sie sich immer weiter in die vielfältigen Themengebiete von Holismus über frontier spirit bis Apokalypse und Hippiekultur. Dabei fanden die jungen PotsdamerInnen auch persönliche Anknüpfungspunkte und Bezüge zur Gegenwart. So erzählt der Student Marwin Itrich, dass Sub- und Gegenkultur für ihn kein Neuland waren. „Aber dass all das schon so früh existierte, war neu für mich.“

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Vortrag im Auditorium

Den Ursprüngen der kalifornischen Hippiekultur, den Einflüssen indigener Kulturen auf die Bewegung und den Mainstream sowie dem Afrofuturismus und dessen Leitfigur Sun Ra waren drei weitere Präsentationen im Auditorium des HKW gewidmet. Ein beeindruckender Ort für die SprecherInnen. Mit Riesenbühne für ein potentiell großes Publikum. „Absurd“ hört man Laura Lizarazo staunend sagen, das Mikrofon vor ihr ist schon an. Doch auch hier ist die Atmosphäre intim, die meisten der ZuhörerInnen gehören zur Gruppe. Trotzdem ziehen die drei Vortragenden ihre Präsentationen souverän durch und bieten eine Reihe an Reflexionen und kritischen Auseinandersetzungen an. So gut die Vorbereitung auch gewesen sein mag, ein wenig Aufregung ist in einem solchem Rahmen wohl immer dabei. Dozent Julius Erdmann ist mit seinen StudentInnen insgesamt sehr zufrieden. Das Ziel abstrakte Theorien mal ganz konkret und praktisch anzuwenden wurde erfüllt. „Die Studenten haben’s gut gerockt“, sagt Erdmann stolz.

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Eröffnung von Laura Weber (links)
ganz links: Dozent Julius Erdmann

So war dieser bisher zweite Student’s Day (ein erster fand zur Animismus-Ausstellung 2012 in Zusammenarbeit mit der FU statt) auch ohne großes Publikum ein Erfolg. Denn die Intention des Haus der Kulturen der Welt, mit Universitäten zu kooperieren und StudentInnen aktiv einzubeziehen, wurde gelungen umgesetzt. Auch der Wunsch des Dozenten, theoretisches Wissen mal praktischer zu vermitteln und mit einer aktuellen Ausstellung zu verknüpfen, wurde erfüllt. Am meisten aber haben sicher die StudentInnen mitnehmen können – an Erfahrung und alternativen Varianten Wissen zu bearbeiten.

Analysen, studentische Aufsätze, zusammenfassende Erläuterungen zu kulturellen Phänomenen und mehr auf der Webseite Kulturen im Fokus (KiF) der Universität Potsdam.