Das Ende der Philosophie?

Das Panel wartete mit einer gewagten Frage auf: „Ende der Philosophie, Beginn der Kybernetik?“ Wie?, das Ende einer Disziplin, die so weit ins kulturell-menschliche Gedächtnis reicht, immer auch den Menschen begleitet hat? Die Konferenz „The Whole Earth“ wurde am frühen Samstagabend mit einem Fokus auf die Gegenwart und einem perspektivischen Blick abgerundet.Über die Seins-Gründe der Menschen wurde also völlig überflüssigerweise nachgedacht und mit der Kybernetik ist die entscheidende Weltformel gefunden?

von Baran Korkmaz

Weit gefehlt. Jeder der drei Podiumsteilnehmer beeilte sich gleich zu Beginn ihrer Vorträge festzustellen, dass das Ende der Philosophie natürlich nicht bevorsteht. Aber das neue, bahnbrechende findet sich in der Aufgabe des alten „westlichen Dualismus“. Dieser machte grundlegende, wesenhafte Unterschiede zwischen Geist und Materie, Natur und Kultur, Technologie und Lebewesen. Die Kybernetik hingegen ist nur als Prozess zu verstehen. In der Kybernetik besteht alles aus Informationsflüssen, es gibt kein klares Ich, keine klare Natur, keine klare Technologie. Alles ist durch Muster, Wellen, Informations-Feedback-Schleifen miteinander verbunden. Ist das Systemdenken also die neue „Wahrheit“?

Ein neuer Sinnhorizont, eine neue Mündigkeit

Ein hochinteressantes Themenfeld schien sich hier anzubahnen. Eine Möglichkeit, sich die Welt neu oder zumindest auf eine andersartige Weise zu erschließen. Leider aber bewegte sich das ganze Panel auf einer sehr abstrakten Ebene, die weitestgehend nur für Kenner genau jener Materie verständlich sein durfte. Die lediglich abgelesenen Texte der Vortragenden wurden kaum mit Beispielen angereichert oder mit empirischen Phänomenen der Gegenwart verständlich und greifbar gemacht.

Erich Hörl

Erich Hörl

Erich Hörl, Professor für Medienphilosophie an der Universität Bochum, sah in der Kybernetik ein zentrales und sinngeschichtliches Instrument, welches der Metaphysik und dem dogmatischen Denken der Philosophie entgegensteht: Ein epochal neuer Sinnhorizont, in dem die Regulierung und Steuerung der Maschinen und Menschen zentral ist. Denn für Hörl steht letztlich die technische Frage als allererstes – weil Philosophie immer auch Zeitdiagnostik ist, und Technik nun mal unsere Zeit bestimmt und uns quasi unbewusst eingeschrieben ist. Das „Ende“ der Philosophie beschreibt er derart, dass das wissenschaftliche und technische Denken befreiend wirken könne, weil es eine neue Form der Mündigkeit hervorbringe: Maschinen werden selbst zu Akteuren, die mit den Menschen zusammen Sinn produzieren. Eine neue Mündigkeit – ein neuer Mensch.

Das kybernetische Prinzip

Nach diesem überaus theoretischen Vortrag von Hörl, schaffte es der Künstler und Autor Hans-Christian Dany, das wesentliche kybernetische Charakteristikum anschaulich zu machen. So brachte er das Beispiel von LED-Laufbändern ein, die seit einigen Jahren in Casinos beim Roulettespiel eingesetzt werden und dem Spieler erlauben, den Verlauf der Ergebnisse zu beobachten und eben darüber eine Annahme über die kommenden Zahlen zu treffen. Was will er damit sagen? Dass sich der Spieler über Rückkopplungen, sprich das Feedback des Zahlenverlaufs, selbst steuert. Gleich dem kybernetischen Prinzip: Erhalt des Systems bzw. des Gleichgewichtszustandes durch Selbstregulierung und permanenten Ausgleich.

Hans-Christian Dany

Hans-Christian Dany

Schließt das aber auch jegliches Fortschreiten aus, da man sich nun in einem permanent zirkulären Zustand befindet und somit der Zeitverlauf unbedeutend wird? Diese so wirkmächtige Frage auf unser Verhältnis zur Welt bleibt leider unbeantwortet. Festgestellt wird lediglich eine vollständige „Kybernetisierung der Gesellschaft“. Anders als in Danys publizierten Texten, in denen er sich durchaus kritisch gegenüber der Kybernetisierung vor allem im Hinblick auf das Soziale zeigt, bleibt diese Nuance im Panel unkommentiert.

Wie geht es weiter mit dem Mensch in der kybernetisierten Gesellschaft?

Nach diesem insgesamt dennoch erfrischenden Vortrag schloss das Panel mit Eva Meyer, Autorin, Filmemacherin und Philosophin an der Zürcher Hochschule der Künste. Und zwar beginnend mit einem Gedanken Hannah Arendts: Diese hatte im Zuge der zunehmenden Technisierung der Welt den verlorenen Kontakt zwischen der Welt der Sinne und der mechanischen Weltsicht beklagt. In Zukunft werde der Mensch nur noch vom Menschen gemachte Dinge vorfinden – ein Abbild seiner Selbst! Daher fragt Arendt weiter, ob wir nun in einer Welt leben, in der alles nur noch eine Funktion kennt und keine Transzendenz? Keine politische Gemeinschaft mehr, sondern nur noch eine kybernetische Maschine? Zudem hat die Entmachtung von Subjektivität – einst vorbereitet in Schopenhauers und Nietzsches Philosophien des Willens, Freuds Trieblehre, Marx‘ kapitalismuskritischer Entfremdungsanalyse u.ä. – dazu geführt, so Meyer, dass es kein Ich mehr gibt. Vielmehr gälte es zu sagen „ich werde getan“.

Eva Meyer © Andrea Thal

Eva Meyer © Andrea Thal

An dieser Stelle ihres Vortrages wagte Meyer sich als einzige auf dem Panel an die Frage der ‚Zukunft der Kybernetik‘ heran. Doch leider verlor sich der Vortrag genau an dieser spannenden Stelle in einer immer abstrakter werdenden und sich in literarischen Sphären verlierenden Sprache. Zehnzeiligen Schachtelsätzen, durchtränkt mit einem der Kybernetik und Systemtheorie entlehnten spezifischen Fachvokabular, konnten wohl nur die Wenigsten folgen. Dies ist aber nicht als Kritik zu verstehen, es handelte sich – leider zum Abschluss der Konferenz – nun mal um einen Vortrag für ein spezielles Zielpublikum. Vereinfacht ließe sich Meyers Vortragsende  folgendermaßen zusammenfassen: Welche Erlebnisfähigkeiten bleiben uns in einer kybernetisierten Gesellschaft? Virtuelle Welten? Reiner Daten- und Informationsaustausch? In diesem Zusammenhang lautete dann auch ihre zentrale Frage: Wer sind wir, wie erleben und überleben wir diese Frage? Ihre Antwort lautet: Es müsse um geteilte Erfahrungen gehen, das Ich finde sich immer erst im Du wieder. Das ‚Wir‘ und ‚Solidarität‘ schälte sie schließlich als zukunftsträchtige Möglichkeiten des Zusammenlebens in einer kybernetisierten Gesellschaft heraus.

Das kybernetischen Prinzip: „Harmonische Selbstregulierung“

Abschließend blieb der Eindruck einer zu positiven Sicht auf die Kybernetik und ihre Auswirkungen – obwohl doch gerade die Ausstellung auch eine kritische und distanzierte Haltung zu diesem Thema eingeschlagen hatte. Warum blieben die kritischen Töne aus Dany’s Texten zur (Selbst-)Kontrolle in der kybernetisierten Gesellschaft unerwähnt? Auch eine kritische Nachfrage aus dem Publikum, wo denn der Mensch in all dieser Systemtheorie bliebe, wurde gar nicht erst beantwortet als scheinbar sinnlose Frage. Eine Frage, die gar nicht so sinnlos gewesen ist: Denn in einer funktional differenzierten Gesellschaft wird der Mensch nur als Störfaktor selbstreferentieller Prozesse beobachtbar. So scheint einzig das Stören bzw. Irritieren von hochindustrialisierten, informationstechnologisch vernetzten, d.h. hochkomplexen Systemen möglich. Insofern findet der Mensch im systemtheoretischen Entwurf, angesichts der Selbstfortschreibung der Funktionssysteme, tendenziell als anarchischer bis anarchistischer Faktor Berücksichtigung.

So blieb zum Abschluss eine kritische Diskussion aus. Stattdessen löste sich das Panel, trotz so vieler interessanter Aspekte der Podiumsteilnehmer, in einem wohligen Konsens auf – ganz gemäß dem kybernetischen Prinzip „Erhalt des Gleichgewichtszustandes“ zwecks harmonischer Selbstregulierung.

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Erich Hörl ist Professor für  Medientechnik und Medienphilosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Aktuell forscht er zur allgemeinen Ökologie der Medien und Techniken sowie zu Geschichte und Perspektiven der Kybernetisierung.

Hans-Christan Dany lebt als Künstler und Autor in Hamburg. Unter anderem schrieb er das Buch Speed. Eine Gesellschaft auf Droge (Edition Nautilus, 2008). Im August 2013 erscheint Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft.

Eva Meyer ist Philosophin, Autorin und Filmemacherin. Zurzeit lehrt sie an der Zürcher Hochschule der Künste. Im Juni 2013 hielt sie im Westfälischen Kunstverein einen Vortrag über Wechselwirkung von technischen und personalen Medien sowie die begriffshistorische Verankerung letzterer in einer oftmals spiritistischen Genealogie.